Sich gegenseitig tragen und Gottes Gnade spüren
„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen.“
Ruth 1,16
Drei Frauen stehen am Feuer. Die Arme sind fest ineinander eingehakt. In diesem Moment sind die drei miteinander verbunden – eine verschworene Gemeinschaft, die einander stärkt angesichts dessen, was eine von ihnen erwartet. Große Kraft geht aus dieser kurzen, aber eindrucksvollen Sequenz hervor.
Sie stammt aus dem Film „In die Sonne schauen“, den ich letzten Herbst im Kino in Schwanewede gesehen habe. Der Film zeigt das Ergehen von Frauen mehrerer Generationen über einen Zeitraum von hundert Jahren. Spielplatz ist ein abgelegener Vierseithof in der Altmark und der nahegelegene Fluss. Bedrückend ist das Schicksal der Frauen, das sich über Generationen in immer gleichen Mustern und in variierenden Spielarten wiederholt: alltäglich gewordene Gewalt, Übergriffigkeiten, Vergewaltigungen, Kindestode, Suizide. Fast dokumentarisch zeigen die Filmemacherinnen diesen Alltag – ohne Anklage und ohne Richter.
Traumatisierende Momente werden weitergegeben, von Generation zu Generation. Nur selten sind Momente zum Aufatmen da. Gerade deshalb ist die Szene am Feuer so stark: Die Frauen geben einander Halt. Jede weiß genau, was die andere ertragen muss. Zusammen halten sie es besser aus – und tragen sich für einen Moment gegenseitig.
Darum geht es auch am Weltfrauentag am 8. März 2026: Neben dem Anprangern all der Gewalt und Ungleichheit, die Frauen noch immer erleiden, steht auch die Solidarität von Frauen untereinander – die Verbundenheit miteinander, Netzwerke der Kraft und des Mitgefühls.
Genau davon erzählt auch die Bibel im Buch Ruth. Noomi verliert in der Fremde alles: ihren Mann und ihre beiden Söhne. Bitter und erschöpft macht sie sich auf den Heimweg nach Bethlehem und sagt ihren Schwiegertöchtern: Geht zurück, sorgt für euch selbst. Eine von ihnen kehrt um. Doch Ruth bleibt. Sie hakt sich ein, könnte man sagen, und spricht Worte, die bis heute berühren: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen… dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“
Ruth geht mit Noomi in die Unsicherheit, ins Ungewisse – nicht, weil alles leicht wäre, sondern weil niemand allein durch solche Dunkelheit gehen sollte. Und auf diesem gemeinsamen Weg beginnt etwas Neues: Ruth findet Arbeit, begegnet Menschen, die helfen, und aus der Hoffnungslosigkeit wächst wieder Zukunft. Gott handelt nicht spektakulär, sondern leise – durch Treue, durch Mitgehen, durch das feste Einhaken zweier Frauen.
Diese Verbundenheit miteinander – dass wir einander sehen, begleiten und stärken – wünscht Ihnen allen gerade auch in unseren Gemeinden.
Pastorin Susanne Nießner-Brose
(EmK Bremen-Vegesack)



