Andacht

Du bist ein Gott,

der mich sieht.“

Genesis 16,13

Das ist doch kein Weihnachtsvers?! Oder doch? Was die Personen in diesen Texten verbindet, ist die Erfahrung von Frauen, ein Leben in sich zu tragen, das Hoffnung und einen neuen Anfang bringen wird, und in diesen Umständen (eine verräterische Redensart) von Schwangerschaft und Geburt besonders empfindlich und gefährdet zu sein.

Das war wohl schon immer so. Als im Winter dieses Jahres auch viele schwangere ukrainische Mütter in die Nachbarländer flohen, fiel dieser Umstand wieder sichtbar ins Auge. Hagar flieht aus anderen Gründen aus ihrer Lebenssituation und bringt damit sich und das Kind in besondere Gefahr. Sie hatte den Blick für ihre Situation aus den Augen verloren. Als Sklavin, ohne gefragt zu sein, zur Leihmutter gemacht, hatte sie gemeint, sich einen besseren Platz erobert zu haben. Für diesen Irrtum musste sie bitter bezahlen, sie war dem Zorn und der Eifersucht Saras schutzlos ausgeliefert. Und schließlich suchte sie einen Ausweg in der Wüste, der sich erneut als Irrweg erwies. Und dann macht sie die alles wendende Erfahrung: Gott sieht mich, er nimmt mich wahr, für ihn bin ich nicht nur ein Mittel zum Zweck. Für ihn bin ich eine Person, die er ernst nimmt und auf ihre Verantwortung anspricht. Gott hat mich im Blick, obwohl ich mich verrannt habe. Er sieht meine Verwirrung, die Ungerechtigkeit und meine Not. Und seine Verheißung für mich und meine Nachkommen ist nicht ein billiger Trost, sondern ein Weg in die Zukunft. Eine Zukunft, in der auch ich und meine Leute vorkommen werden.

Auch Maria brachte ihr Kind unter schwierigsten und gefährlichen Umständen zur Welt, erbärmlich und einer harten Welt ausgeliefert, und dennoch beginnt mit dieser Geburt ein neues ewiges Zeitalter.

Nun werden die Armen, die Kleinen, die Eingeschränkten, die Fremden, die Schuldigen und die Erfolglosen voller Barmherzigkeit von Gott wahrgenommen. Und der Blick Gottes bedeutet für jeden einzelnen Menschen das Versprechen: So muss es nicht bleiben. Ich sehe dich und verspreche dir einen Weg in die Zukunft, eine Zukunft mit mir.

Du kannst mir glauben, hier ist der Beweis: „Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Und wenn Gott Hoffnung in dem kleinen und erbärmlichen Kind sieht, dann sieht er auch mich.

Eine frohe und gesegnete Advents-

und Weihnachtszeit wünscht Ihnen

Pastorin Ruthild Steinert